
So einfach dieses Gericht klingt, so wenige Zutaten dafür vonnöten sind, so wunderbar es sich darstellt: Ei im Glas ist keineswegs immer Ei im Glas.
Unlängst wieder einmal am Sonntag eine Frühmahlzeit in einer der 470 neuen und coolen Grazer Frühstücks-Locations. 'Ei im Glas' steht auf der Karte, wird von mir bestellt, die Anlieferung dauert an die zwanzig Minuten (was bei Ei im Glas an und für sich ein gutes Zeichen ist, ... aber dazu später), und erweist sich dann als folgendes: Ein Wasserglas, in dem ein weich gekochtes, geschältes Ei liegt, dazu ein Löffel.
Ein klein wenig hatte ich das Gefühl, dass mir hier übel mitgespielt werden will, ich verhöhnt werden soll, denn unter 'Ei im Glas' habe ich - auch wenn dieses zweifellos einfache Gericht da vor mir am Tische sowohl die Bedingung 'Ei' als auch die Bedingung 'im Glas' erfüllte - immer sowohl etwas anderes verstanden als auch mir selbst und frühstückendem Besuch bereitet. Nämlich (je nach Größe) ein oder zwei Eier, die ich in ein leicht gebuttertes und extra dafür vorgesehenes Glasgefäß (Jenaer Glas, 'Eierkocher') schlug, bisschen Salz, Pfeffer und reichlich Muskat dazu, wenn vorhanden, dann auch noch einen Dash Schlagobers. Deckel drauf, Metallklammer drüber und für mindestens zehn Minuten ins Wasserbad. Das Ergebnis ist - wenn man den Zeitpunkt erwischt, was nämlich sauschwer ist - das delikateste Eier-Gericht, das man sich da am Morgen nur vorstellen kann.
Nun, das 'Ei im Glas', das ich da in Graz hatte, war auch nicht schlecht, halt genau so gut, wie ein geschältes, weiches Ei in einem Wasserglas sein kann. Ein bisschen Nachforschung im Netz und bei Vertretern der heimischen Gastronomie ergab, dass 'Ei im Glas' hierzulande im allermeisten Falle so angeboten und serviert wird, und dass der preisliche Unterschied zwischen 'weich gekochtem Ei' und 'Ei im Glas' selten weniger als einen Euro ausmacht. Was also heißt, dass das Schälen eines weich gekochten Eis in Österreich einen Euro kostet.
Was in weiterer Folge und bei Annahme, dass das Schälen eines Eis dreißig Sekunden dauert, immerhin zu einem Stundenlohn eines 'Ei im Glas'-Zubereiters von 120 Euro führt. Wow.
Okay, Kollegin Margit wirft nun ein, dass wenn sie sich solch ein Ei im Glas bestellt, was sie mit Vorliebe im Café Prückel macht, dann immer zwei Eier kommen (was den Preis absolut rechtfertigen würde), und dass dieses Gericht dort in einer flachen Schale serviert werde, welches das Eintauchen des gebutterten Toasts erleichtern würde. Das macht Sinn.
Dennoch ist die tatsächliche Erscheinungsform eines Gerichts, das sich 'Ei im Glas' nennt, offenbar keineswegs bis zum Schluss durchdefiniert. Ein Mensch, der sich 'Ratte in Hamburg' nennt, zergatscht etwa ein weich gekochtes Ei im Kaffeehäferl und mischt es mit Maggi, Ketchup und anderen Eigenartigkeiten, meint, dass das aber echt total lecker, eh, schmeckt, und nennt es auch 'Ei im Glas'. Diverse deutsche Kreativ-Köche greifen dann auch noch zum verlorenen Ei, und tun das dann ins Glas, und so weiter und so fort.
Nach einer Umfrage in der Standard-Redaktion musste ich jedenfall einsehen, dass meine 'Ei im Glas'-Vorstellung keinesfalls Mehrheitsmeinung ist, die ist eher bei jener Variante, mit der ich es in Graz zu tun hatte, zu Hause. Auch schön, soll sein, aber mein Ei im Glas ist das bessere Ei im Glas.
(Quelle: Florian Holzer, Standard.at)
Jenaer Glas 'Eierkoch'
1-2 Eier je nach Größe
Salz
Pfeffer
reichlich Muskat
etwas Schlagobers
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